Besuch eines Offiziers der Bundeswehr in der 1ère und Terminale
Am Mittwoch, dem 14. Oktober stattete uns Herr Warter, ein Offizier (Oberstleutnant) der deutschen Bundeswehr, der in Frankreich stationiert ist, einen Besuch ab. Zunächst bedankte sich Frau Glause, weil dieser Besuch uns über einige Fragen Klarheit bringen würde und eröffnete auch die Diskussion mit den zwei eigentlichen Themen dieser Einladung: den Ehrenkodex, den wir im Fach Literatur in der Novelle „Leutnant Gustl“ (1900) von Arthur Schnitzler kennen gelernt haben und für das Fach Gemeinschaftskunde die Parteien und die Bundeswehr.
Dann gab Rebecca (1èES) eine Einführung in Arthur Schnitzlers Novelle „Leutnant Gustl“: Ein frecher Leutnant wird von einem satisfaktionsunfähigen Bäckermeister aufgehalten und beleidigt. Gustl hat nur zwei Möglichkeiten: Entweder er quittiert den Dienst, oder er begeht Selbstmord. Im Verlaufe der Novelle entscheidet sich Gustl für Selbstmord, erfährt aber am nächsten Morgen, dass der Bäckermeister an einem Anfall gestorben ist. Da keiner Bescheid weiß, vergisst Gustl die ganze Geschichte. Herr Warter stellte sich dann selbst vor. Er wurde in Baden-Baden, das heißt nur 50 Kilometer von Straßburg entfernt, geboren und hatte dadurch sehr früh eine Affinität zu Frankreich.
Nach seinem Abitur an einem technischen Gymnasium wurde er zur Bundeswehr eingezogen und war am Anfang von den Erlebnissen seiner eigenen Grundausbildung „nicht richtig begeistert“. Das änderte sich, als er selbst für Rekruten verantwortlich wurde. Herr Warter wurde zum Offizier der Gebirgsjäger. Anschließend besuchte er drei ein viertel Jahre lang die Universität der Bundeswehr in München und studierte dort Wirtschaftspädagogik mit Schwerpunkt Pädagogik der Aus- und Weiterbildung. Nach dem Studium kam er wieder zurück in die „Truppe“. Als Oberleutnant erlebte er 1992 einen für ihn bedeutenden Einschnitt in sein bisheriges berufliches Leben, als er für einen Einsatz in Somalia eingeplant wurde. Er musste aber dort nicht hin und blieb in der Zeit in Deutschland und wurde 1994 Kompaniechef (~130 Mann). 1996 musste er nach Jugoslawien. Danach wurde er Truppenfachlehrer für Methodik der Ausbildung und unterrichte auch Taktik im Gebirge. 1998 und kam nach Norddeutschland, wo er in Hamburg an der Führungsakademie durch seine Teilnahme am Lehrgang Generalstabsausbildung mit Internationaler Beteiligung erste internationale Kontakte knüpfte. Er ging dann durch Ämter- und Stabsverwendungen in Köln und Heidelberg, und musste für ca. drei Monate nach Kabul. Während der Jahre 2004/05 arbeitete er im Ministerium in Bonn. 2006 wurde er in Bayern Kommandeur eines Bataillons (~ 1000 Mann & Frauen) und musste 2007 mit diesem Bataillon im Kosovo eine Aufgabe übernehmen, die sehr den Aufgaben ähnelt, wie man sie in Deutschland von Einsätzen der Bereitschaftspolizei kennt. 2007 fragte man ihn, ob er nach Frankreich gehen wolle. Er entschied sich für Fontainebleau, ein wichtiger Aspekt für diese Entscheidung war die Existenz der deutschen Abteilung des Collège International in Fontainebleau.
Victor (1eES ) fragte, ob es jetzt in der Bundeswehr noch einen Ehrenkodex, wie der des Leutnant Gustl gebe und ob er jetzt noch wichtig sei. Herr Warter antwortete, dass es einen Ehrenkodex, wie es ihn zur Zeit des Leutnant Gustl gab, überhaupt nicht mehr existiert. Mit Ende des 17 Jahrhunderts sank nämlich die Macht des Adels, und die Herrscher fragten sich immer mehr, woher sie ihre Gefolgschaft nehmen sollten. Die revolutionären wirtschaftlichen, sozialen und gesellschaftlichen Veränderungen vor allem im 19. und beginnenden 20. Jahrhundert waren durch einen Verlust an Macht und Einfluss des Adels gekennzeichnet. Das Militär dieser Zeit sicherte dem Adel im Offizierkorps noch eine privilegierte Ausnahmestellung. Dadurch waren Offiziere näher am Kaiser bzw. König, was mehr Loyalität brachte. Für den deutschen Kaiser war die Armee unter anderem ein Mittel gegen Sozialisten. Offiziere wurden zu einer privilegierten Schicht, und die Armeen wurden größer, was die Rekrutierung von Offizieren aus „erwünschten Kreisen“ wie Akademiker-, höhere Beamten-, Lehrersöhne usw. mit sich brachte. Dadurch fühlten sie sich geehrt, und dieses Ehrgefühl führte zur Abgrenzung in der Gesellschaft. Gesetzlich waren Duelle verboten, aber den Offizieren war es kein Problem, weil sie eben Offiziere waren, die sich weniger gegenüber dem Staat und seinen Gesetzen, als dem Kaiser verantwortlich sahen. Wenn man ein Duell ablehnte, weil es ja gesetzlich verboten war, lief man Gefahr aus der Armee entlassen zu werden, obwohl man sich an die Gesetze des Staates gehalten hatte. Damit machte die Bundeswehr einen konsequenten Bruch. Es gibt Denken und keinen Ehrenkodex mehr, wie er in den kaiserlichen Armeen existierte. Heute gehört zum Ehrgefühl, dass ein Offizier gerade nicht außerhalb der Gesellschaft und der Werteordnung des Grundgesetzes steht, sondern sein Leben für die Verteidigung dieser Werte einsetzt. Die Soldaten der Bundeswehr sind Bürger in Uniform und haben nicht mehr Rechte als die übrigen Bürger. Das Militär, d.h. die Bundeswehr ist Teil der Exekutive (eine staatliche Gewalt) und damit dem Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland verpflichtet. Sie muss die Menschenwürde schützen und achten. Soldaten haben die gleichen Rechte, aber Pflichten, die diese Rechte beschränken können z.B. sich vor Einsätzen im Ausland Impfungen zu unterziehen, was einen gesetzlich verankerten Eingriff in das Grundrecht auf körperliche Unversehrtheit bedeutet. Soldaten müssen wie alle Bürger sich an die Gesetze halten. Dann kam die Frage, ob es bei der Bundeswehr Grundprinzipien wie in Frankreich gebe. „Einigkeit und Recht und Freiheit” lautet der Beginn der dritten Strophe der deutschen Nationalhymne. Wie wichtig Freiheit ist, haben vor allem die Bürger der DDR am eigenen Leib erfahren.
Danach kam die Frage, wie das Ansehen des Militärs in Frankreich und Deutschland ist. Herr Warter meinte, dass man in Frankreich das Militär ein höheres Ansehen genießt als in Deutschland, was den Soldaten Vorteilen bringt. In Frankreich gäbe es auch keinen Bruch in den militärischen Traditionen, weil es kein verbrecherisches Regime wie das Drittes Reich gegeben habe, in das die damalige deutsche Armee, die Wehrmacht, tief verstrickt war. Im Gegensatz dazu habe die Bundeswehr ihre eigenen Traditionen entwickelt. Die nächste Frage war, was Fontainebleau mit der Bundeswehr zu tun habe. Darauf war die Antwort, dass es nichts mit der deutsch/französischen Brigade zu tun habe. Die Aufgabe in Fontainebleau ist es, die Offiziere und Unteroffiziere und Offizieranwärter zu führen, die im Rahmen von Austauschprogrammen in Frankreich stationiert sind. Demnächst soll ein deutsches Bataillon der deutsch/französischen Brigade im Elsass stationiert werden. Das bringt mehr Arbeit für die Bundeswehrverwaltungsstelle in Frankreich, die sich ebenfalls hier in Fontainebleau befindet. Herr Warter kennt Argumente für und gegen die Wehrpflicht. Er ist für die Wehrpflicht, denn ohne sie wäre er wahrscheinlich nie zur Bundeswehr gekommen und weil der Wehrdienst aus seiner Sicht, zur Folge hat, dass die Soldaten dadurch besser in die Gesellschaft integriert sind. Dagegen aber dürfen Wehrpflichtige nicht an Auslandseinsätzen teilnehmen. Frau Glause bedankte sich bei Herrn Warter mit dem Satz „Vielen Dank, dass Sie für die Schülerinnen und Schüler das Gelernte mit Leben erfüllt haben.”
Pierre de Vésian, 1ère
